Galerie Art und Weise
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 .: Frank Siebert :.

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Frank Siebert wurde 1960 in Kassel geboren. Er studierte in Hamburg Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. Freiberufliche Tätigkeit als Musikjournalist für diverse Rundfunkanstalten und Printmedien (stern, Fono Forum). Seit 1987 malerisch tätig und seit 1997 Dramaturg des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Frank Siebert lebt in Lübeck und eröffnete 2007 eine eigene Galerie.

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9. Juni bis 11. August 2007

Einführungstext

zur Ausstellung „Gestalten der Farbe" von Frank Siebert 

Dr. Götz Darsow (Sprengel Museum Hannover):.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Frank,

als Frank Siebert mich fragte, ob ich wohl einige Worte zu seinen Bildern sagen könne anlässlich seiner Ausstellung in der „Galerie Art und Weise", habe ich nicht nur sofort mit großer Freude ja gesagt, sondern ich fühlte mich auch ein bisschen geehrt.

Ich habe Frank Siebert vor über zehn Jahren kennen gelernt. Schnell fanden wir über unsere Leidenschaft für Musik ein gemeinsames Feld, das wir im Gespräch – vor allem über die Nuancen verschiedener Interpretationen und Interpreten – beackert haben. Ich erfuhr auch bald, dass er gemalt hatte und auch jetzt noch hin und wieder malte. Aber erst in den letzten Jahren hat er sich dieser zweiten Leidenschaft – neben der für Musik – wieder verstärkt gewidmet. Die wunderbaren Ergebnisse sehen Sie nun hier, und ich möchte durch meine Gedanken zu diesen Bildern versuchen, sie Ihnen ein wenig näher zu bringen.

Frank Siebert arbeitet bevorzugt an großen Formaten. Und er malt abstrakt. Kein Wunder, dass man die amerikanischen Abstrakten Expressionisten assoziiert. Sie eroberten bekanntlich in den 1950er Jahren mit oft riesenhaften Formaten die Kunstwelt. Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Mark Rothko sind neben andern ihre wohl bis heute prominentesten Vertreter. Von allen dreien entdecke ich charakteristische Züge in den Arbeiten von Frank Siebert. Die Arbeit „Kleiner Herbst" etwa, im vergangenen Jahr entstanden, mit ihren wunderbar chaotischen Farbüberlagerungen erinnert an die berühmten „Drippings" von Jackson Pollock. Wie in diesen findet das Auge auch in Frank Sieberts Arbeit mit seiner farbflimmernden Fläche keinen zentralen Halt, kein Zentrum, von dem aus der Betrachter das Bild aus erkunden könnte. Ihm bleibt es sozusagen „freigestellt", von welcher Stelle des Bildes er seine Erkundung beginnt.

Wie alle guten Maler lässt sich auch Frank Siebert bei seiner Arbeit von Bildern inspirieren, in denen er etwas findet, nach dem er selbst in seiner Malerei sucht. Ich konnte das kürzlich erleben, als ich mit ihm gemeinsam die große Retrospektive des bedeutendsten Vertreters des so genannten deutschen Informel, Emil Schumacher, im Sprengel Museum Hannover angeschaut habe. Frank Siebert war und ist fasziniert von der Kunst Schumachers, der mit seinem Material und an ihm wie kaum ein anderer arbeitet. Und das ist eben nichts anderes als die Farbe.

Farbe ist auch der spannungsreiche Ausgangspunkt der oftmals langwierigen Suche von Frank Siebert, über die Farbe zu Bildgestaltungen zu kommen. Er ist nicht primär an Figuration interessiert. Er häuft Farbschicht auf Farbschicht. Er experimentiert mit der Farbe. Ihn interessiert nicht primär die Farbkombination, sondern das Entstehen von Farben, die sich aus dem Übermalen, Vermischen, Abwischen, Abkratzen, Auftragen des Materials – das übrigens Acrylfarbe auf meist weiß grundierter Leinwand ist – immer wieder neu und unerwartet ergeben. Seine Werkzeuge sind dabei nicht nur Pinsel und Spachtel, sondern auch Holzstücke oder seine Finger – kurz: was immer zur Umsetzung seiner Vorstellungen zur Verfügung steht.

Diesem Verfahren liegt kein bewusster Plan zugrunde. Sondern der Farbauftrag erschafft neben einer oftmals irisierenden Farbigkeit – wie in Partien von „Der Reif hat einen weißen Schein..." von 2006 – Gestalten, die nicht selten an Figurationen denken lassen. Da scheint dann plötzlich ein weißer Pfeil ins Bild geraten zu sein – wie in der schwarz-rot-weißen Arbeit aus diesem Jahr. Aber schaut man genauer hin, dann verschwindet das Figürliche wieder und die Linien des vermeintlichen Pfeil erscheinen als spontaner Farbauftrag. Dennoch assoziieren wir alle bei abstrakten Bildern gewollt oder ungewollt figürliche Gestalten, die uns aus unserer eigenen Umwelt bekannt sind. In dem Bild, dessen dominierende Farbe orange ist, kann ich zum Beispiel den Kopf eines Hundes erkennen: die schwarze Farbe in der Mitte würde dann die Schnauze markieren. Und das Farbfeld links unten, das aus den drei Grundfarben gelb-rot-blau und schwarz und weiß zusammengesetzt ist, lässt mich an einen bunten Vogel denken.

In der Arbeit „Volupté" wiederum scheint es mir, als wären dort zwei Köpfe im Profil zu sehen. Beide blicken nach rechts, schauen sich also nicht gegenseitig an – wie der Titel (der auf deutsch mit „Wollust" oder „Hochgenuss" zu übersetzen wäre) bei meiner Lesart doch vermuten lassen könnte. So wären beide Gestalten nur durch den zentralen weißen Farbklecks miteinander verbunden.

Paul Klee hat die Versuchung, abstrakte Gebilde als uns bekannte Figuren zu deuten, in seinen nachgelassenen Notizen so ausgedrückt: „Wenn ein solches Gebilde sich vor unsern Augen nach und nach erweitert, so tritt leicht eine Assoziation hinzu, welche die Rolle des Versuchers zu einer gegenständlichen Deutung spielt. Denn jedes Gebilde von höherer Gliederung ist geeignet, mit einiger Phantasie zu bekannten Gebilden der Natur in ein Vergleichsverhältnis gebracht zu werden." Und er hielt „diese assoziativen Eigenschaften" für den „Ursprung zu leidenschaftlichsten Missverständnissen zwischen Künstler- und Laientum". Ich weiß, dass Frank Siebert gelassen genug ist, um uns die Freiheit zu solch figurativem Sehen zu geben – ohne dass wir Angst haben müssten, mit ihm deswegen in leidenschaftliche Auseinandersetzungen zu geraten.

Eine der Arbeiten, die mich am meisten fasziniert hat, ist in diesem Jahr entstanden und (noch?) ohne Titel. Ich sehe zwei ganz unterschiedliche Hälften: Die rechte wird beherrscht von drei vertikal gesetzten mehr oder weniger schmalen schwarzen Farbflächen

. Sie „rahmen" zwei weiße Partien am oberen Bildrand, die in zahlreichen dünnen weißen Linien zum unteren Bildrand auslaufen. Selten finden sich solche linearen Strukturen in den Bildern von Frank Siebert. Die linke bräunliche Hälfte ist durchsetzt von hell dominierten Farbflecken, die geheimnisvoll aus dem Braun hervorscheinen: als verberge das dunklere Braun etwas Lichtes, Lebendiges, das sich nur mit Mühe an einigen Stellen hervorwagen kann.

Mit Paul Klee gemeinsam hat Frank Siebert auch die Angewohnheit, erst nach der Fertigstellung eines Bildes einen passenden Titel zu suchen und zu finden. Das ist ja auch nur konsequent, wenn der Schaffensprozess bis zuletzt offen gehalten wird. Dabei sind die Titel niemals „Gebrauchsanweisungen" dafür, wie ein Bild gelesen oder verstanden werden soll.

An Paul Klee erinnert mich auch eine Reihe von Bildern, die mit „Figura" beziehungsweise „Scrittura" betitelt sind. In allen diesen Bildern sind breite Linienstrukturen auf die Flächen gesetzt, die von Gelb („Figura 1" ), Rot („Figura 2") oder Grau-Beige („Scrittura") dominiert sind. Wie in den späten Arbeiten des von den Nazis nach Bern vertriebenen Klee wirken diese breiten Linien wie geheimnisvolle Zeichen. Sind da Kreuze, Buchstaben und Zahlen zu sehen – wie in „Scrittura" – oder naturhafte Piktogramme von Lebewesen aus archaischer Zeit – wie in den beiden „Figura"-Bildern?

Gelassen, aber leidenschaftlich scheint mir Frank Sieberts Arbeitsweise zu sein. Tastend, die Möglichkeiten der Farben erspürend, um in i

mmer neuen Anläufen des Farbauftrags schließlich Bilder zu schaffen, denen wir beim – allerdings sehr genauen, intensiven – Betrachten durchaus nachspüren können.

Auf seine Website hat Frank Siebert ein Zitat des dänischen Malers Asger Jorn gestellt, auch er ein leidenschaftlicher Farbexperimentator. Es heißt dort, dass die Kraft, die wir an einem Kunstwerk wahrnehmen, nicht in diesem selbst zu suchen sei: sie existiere vielmehr in dem, der es wahrnimmt: also in uns, den Betrachtern – wenn wir denn fähig sind, es in seiner Kraft wahrzunehmen. „Der Wert", sagt Asger Jorn, „geht nicht aus dem Werk hervor, sondern er wird im Betrachter selbst befreit." Das sei „die einfache und materielle Erklärung des Werts der Kunstwerke und außerdem aller geistig genannten Werte". Hier wird eine Aufforderung formuliert – eine Aufforderung, uns die Mühe zu machen, uns ganz auf die Werke einzulassen, um durch sie eine Kraft in uns zu entdecken. Fangen wir also heute Nachmittag damit an, diese wunderbaren Bilder von Frank Siebert in ihrer ganzen Vielschichtigkeit (auch im materiellen Sinn des Wortes) wahrzunehmen, um zugleich damit Kräfte in uns selbst freizusetzen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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