Galerie Art und Weise
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 .: 40 x 60 Gören :.

Ralf-Rainer Odenwald

7. Oktober bis 20. November 2010

Einführung: Angelika Hett

Malerei

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Einführung Angelika Hett:

"Dumme Göre“, „die blöden Gören“, die mal wieder dies und jenes ausgefressen haben – wer kennt diesen Ausdruck nicht?
Das aus dem Niederdeutschen stammende Wort meint in der Einzahl ursprünglich ein unartiges Mädchen  oder ein vorlautes Kind, im Plural eigentlich eher kleine Kinder. In jedem Fall steckt eine negative Bedeutung darin, es gehört also in die Abteilung „Schimpfwort“.
Andererseits ist eine sprachliche Verwandtschaft mit dem englischen „girl“ wahrscheinlich, aber wissenschaftlich nicht geklärt.

Was nun meint Ralf-Rainer Odenwald, wenn er seine Ausstellung unter diesem Titel präsentiert?

Da ist zunächst einmal das Format, das bei allen Bildern gleich ist: 60 mal 80 Zentimeter. Der Künstler gibt damit schon von der äußeren Form her den Hinweis, dass es sich um eine Serie handelt. Aber auch das Thema ist stets das gleiche: junge Mädchen – girls – Gören?

Wir sehen Mädchen in vielen verschiedenen Positionen: gehend, posierend, auf dem Kopf stehend, tanzend, oder auf dem Badewannenrand balancierend, in der Hand die Kamera, mit der hier die junge Asiatin ihr Spiegelbild fotografiert. Bei genauerem Hinsehen fallen nicht nur die unterschiedlichen Nationalitäten auf, sondern etliche andere Details, die uns spekulieren lassen, mit wem wir es hier eigentlich zu tun haben.

Nicht mit Gören im Sinne von kleinen Kindern – so viel steht fest!
Es sind siebzehn-, achtzehnjährige Mädchen, vielleicht auch ältere, die ihre Fotos ins weltweite Netz gestellt haben. Da wird gechatted und gebloggt, bei Facebook und Twitter, und öffentlich zur Schau gestellt, was doch eigentlich keinen Fremden etwas angeht.

Beim Surfen durchs Internet stieß Ralf-Rainer Odenwald auf etliche Modeblogs, klickte sich immer weiter durch und blieb hängen an diesen Mädchen, die sich mit cooler Selbstverständlichkeit in ihren schönsten Kleidern und Schuhen präsentieren. Sie scheinen vor keinem Auftritt Angst zu haben – oder vielleicht doch? Genau diese Frage reizte den Künstler – und plötzlich fand er eine Fülle von Motiven - Gesten, Gesichtsausdrücke, Bewegungen -, mit denen er arbeiten wollte. Dabei verließ er sich stets auf sein Gefühl - und vielleicht auch ein wenig auf Jean Giono, dessen Zitat Odenwald in einem seiner Bücher abdruckte:
„Wenn die Geheimnisse sehr hintergründig sind, verbergen sie sich im Licht; der Schatten ist nur ein Gaukelspiel. Gespenster hausen in dieser großen Helle.“

So gerät bei der Bildfindung immer wieder ein künstlerischer Prozess in Gang. Odenwald druckt die ausgewählten Fotos in Ausschnitten jeweils im DIN A 4 Format farbig aus und klebt sie exakt aneinander auf die Leinwand. Die Kantenschlüsse ziehen sich als feine Linien durch die Bilder und geben den Blick scheinbar frei auf die Originalvorlagen – wären da nicht plötzlich breite Pinselstriche, Farbschleier, Streifen oder gar impressionistisch anmutende ganze Farbfelder, die alles wieder in Frage stellen, was zunächst realistisch erschien. Das liegt zum einen am Arbeitsablauf: nach dem Aufkleben der Drucke gießt der Künstler Acrylfarbe „in richtigen Pfützen“ auf die nicht beklebten Teile der Leinwand, um die Niveauunterschiede auszugleichen. Das sich  anschließende Trocknen dauert lange – Zeit zum „Reifen“ des Bildes. Zum anderen tritt jetzt der Maler Odenwald in Erscheinung (ein Zitat von Joseph Beuys, der einer seiner Lehrer war, lautet: „Wenn jemand meine Sache sieht, trete ich schon in Erscheinung“): Durch das „Drübergehen“ mit Pinsel und Farbe transferiert er die „Sache“ in die Kunst. Er verwandelt Dinge, die gerade für die jungen Menschen in unserer Zeit alltäglich geworden sind, in Bilder, über die wir lange nachdenken können. Welche Namen mögen die Dargestellten in der Wirklichkeit haben? Odenwald hat welche für sie erfunden und sie hinten auf die Leinwände – und auf die Preisliste! – geschrieben, ganz frei nach dem Gefühl, „das könnte eine soundso sein“.

Spannend ist es auch, sich in die Figuren hineinzuversetzen und sich zu fragen, wer von ihnen man selbst wohl sein könnte – oder möchte? Die Freche, die Schüchterne, die Aufreizende, die Selbstbewusste...
Alle sind in unterschiedlicher Ansicht gezeigt: als Rückenfigur, frontal, seitlich, in Draufsicht oder Untersicht, und selten erkennt man die Physiognomie eines Gesichts. Das verstärkt die geheimnisvolle Aura, die sie schon durch die Malweise umgibt.

Ralf-Rainer Odenwald dachte bei diesen Arbeiten an Jan Vermeer van Delft (1632 – 1675), der in seinen Frauenbildnissen trotz der Genauigkeit in der Darstellung einen ähnlichen Effekt erzielte. Ihre Besonderheit liegt nicht in der Wahl der Sujets, sondern in der Art der Umsetzung. Räumliche Wirkung und Lichtphänomene faszinieren ebenso wie die Tatsache, dass die geheimnisvollen „Mädchen mit dem Perlenohrring“ oder „Dienstmagd mit Milchkrug“ nicht identifizierbar sind. Auch diese Bilder sind in kleinen Formaten gemalt.

Das Oeuvre von Ralf-Rainer Odenwald ist groß. Mehrere Kataloge und Bücher legen Zeugnis ab nicht nur von vielen Ausstellungen, sondern vor allem von den unterschiedlichen Stilrichtungen, die er durchlaufen hat. Er ist ein Maler, der auch mit anderen Techniken gestaltet, vor allem mit der Fotografie. Dabei geht es ihm immer wieder um die Frage, „wie offen, wie dynamisch und wie verbindlich [sind] die Begriffe von Zeit und Raum“ sind. „Meine Bilder resultieren aus der fortwährenden, experimentellen Unternehmung,  auf die [...] gestellte Frage eine Antwort zu gewinnen.“

Zuweilen schreibt er auch Texte und Gedichte. Die Literatur bereichert ihn sehr. Ein Zitat von Friedrich Nietzsche, das ich in dem Buch “Ralf-Rainer Odenwald 1999 – 2002“ fand, möchte ich an den Schluss meiner Einführung stellen, da es so gut zu dem Maler und seinen hier gezeigten Bildern passt. „Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns zu interessieren.
Nimm dich also in Acht, dass du dir nicht selber zu aufgeklärt wirst!“

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